Zentrum, Fußspur oder Pfütze?

Die Alemannen, das Sagenvolk vom Bodensee

Ob entschuldigend oder anklagend, ob stolzgeschwellt oder bescheiden, immer wieder schallt es den Besuchern bei Gesprächen am Bodensee entgegen: "So sind sie eben - die Alemannen." Sagenhaft sparsam, unermüdlich fleißig, tiefreligiös und eng mit der Scholle verbunden, so sehen viele das Volk rund um den Bodensee. Das Motto Schaffe, späre, huse; Katz verkofe, selber muse ist bekannt. Doch wer sind diese Alemannen?

"Alemannen" tauchen erstmals im dritten Jahrhundert am Bodensee auf. Aus dem Schlamm dieser mit Wasser vollgelaufenen Fußspur am Rande der Geschichte schließen sie sich der Völkerwanderung an. Der römische Kaiser Caracalla eilt zur Verteidigung seiner Provinz Rätien, doch die germanische Sammelbewegung zerstört schließlich im Jahre 259 Brigantium am Bodensee. Abseits der römischen Siedlungen errichten "alle Mann" ihre Holzdörfer.

Doch gemeinsam mit den Merowingern, den Vandalen und den Mamelucken zählen auch die Alemannen heute zum Katalog verschwundener Völker. Spätestens nach der Einwanderung der Hohenemser Juden im 17. Jahrhundert ist die Bodenseeregion ein ausgesprochenes Einwanderungsland. Im 18. und 19. Jahrhundert schwappen weitere Einwanderungswellen der Südtiroler, Walser und anderer aus weiten Teilen der Monarchie in die brodelnde Völkersuppe.

Sieben bis zehn Millionen Menschen leben seit 1500 Jahren im Bodenseegebiet. Doch über bestimmte mundartliche Ähnlichkeiten hinaus gibt es letzlich keine nachweisbaren Verbindungen. Ostschweizer und Elsässer, Schwaben und Badener sowie Liechtensteiner bleiben lieber für sich. Nur manche Vorarlberger scheinen noch von einer Alemannischen Internationale zu träumen.

Les allemands, los alemanos, die Alemannen: im Ausland vereinfacht man wohl gerne. Oder ist es doch ein und derselbe dickschädelige Menschenschlag, der ähnliche Dialekt, wie er sich in Sprichworten widerspiegelt: "Der Bodesee isch zmittst inne im alemannische Land. Er ghört de Dütsche, de Östricher und de Schwyzer. Hochdietsch, sell sin gsägti Bretter, d' Mundart isch e Wald im Saft." Nein, selbst das eint weniger, als es scheint: forscht man in den vier modernen Staaten nach alemannischem Bewußtsein, so begegnet man Unverständnis: der Bodensee gilt nicht als ethnisches Zentrum, sondern höchstens als Freizeitpfütze.

  • Im Fürstentum Liechtenstein, dem völkerrechtlich letzten der 343 Glieder des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, ändern sie den Liedanfang der Nationalhymne 1945 von "Oben am deutschen Rhein" in "Oben am jungen Rhein". Für das Alemannentum hat man nur ein ratloses Kopfschütteln.
  • Am 4. November 1953 tritt in Stuttgart der Landtag zusammen, um zu entscheiden, wie der aus Baden, Württemberg und dem ehemals preußischen Landesteil Hohenzollern zu einer Einheit verschmolzene Südweststaat heißen solle. Drei Vorschläge stehen zur Debatte, Baden-Württemberg, Württemberg-Baden und - Alemannien! Doch bei vier Enthaltungen stimmt kein einziger für den germanischen Mythos.
  • Die Alemannen in Vorarlberg sind seit Mitte der achtziger Jahre vom Europarat als ethnische Gruppe anerkannt. Dennoch finden sich auch hier wenige, die sich zum Alemannentum bekennen. Man ist eher darauf erpicht, Vorurteile zu entkräften, wie das vielzitierte "Alemannia non cantat": auf den Einzelnen trifft der Name nie zu.
  • Nicht anders in der Schweiz. Von Basel bis nach Appenzell, von St.Gallen bis nach Chur ist kein Mensch aufzuspüren, der sich frei zum Alemannentum bekennt. Man ist Schweizer, bedarfsweise auch Eidgenosse, oder eben Helvetier, die waren vorher da und hatten klangvollere Namen.

Für ein engstirniges Denken, wie es sich manchmal hinter der alemannischen Scharade zu verbergen sucht, ist die heutige Welt ohnehin zu klein. Die Frage ist nicht, "Wer isch z'erscht do gsi?" oder "Was gond mi d'Gäscht a?" Denn die sogenannten Alemannen sind selbst schon immer ein Gemisch von Völkern und Wanderern rund um den See gewesen.

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