RECYCLING BOOMT

Kulturwissenschaften an der Börse

PETER KRAPP

Rechtzeitig zum Börsenantritt der Deutschen Telekom versucht auch die Germanistik den Wert ihres Kurses zu steigern. Anfang November versammelte die interuniversitäre Arbeitsgruppe "Sprache, Literatur, Kultur im Wandel ihrer medialen Bedingungen" in Köln alles, was in den betroffenen Wissenschaften Rang und Namen hat. Auf der Tagesordnung stand der Versuch, unterschiedliche Diskurse zwischen Neurologie und Semiotik, zwischen Rhetorik und Ontologie unter den unumkehrbaren Bedingungen der Mediengesellschaft zu artikulieren. Wertschöpfung auf der einen und Distribution auf der anderen Seite: da die Medien längst die Bedingungen kulturwissenschaftlicher Arbeit prägen, schien eine große Unternehmens-Ehe denkbar. Es handelt sich jedoch keineswegs, wie manchmal angenommen, um eine feindliche Übernahme von seiten der Medien.

Anzubieten haben die Sprach- und Literaturwissenschaften vor allem historische und methodische Kompetenzen, deren sich die Medien seit jeher bedienen mußten, wie die tonangebenden Medientheoretiker in Deutschland ohnehin Germanisten sind. Zu den weiteren Investitionsanreizen, die in Köln zur Sprache kamen, gehört neben einer gewissen Interdisziplinarität wohl vor allem die Fähigkeit zum Recycling, zur Paraphrase, die erst aus dem "aposemischen Kadaver des Zeichens" wieder und wieder Bedeutung schafft, wie Ludwig Jäger (Aachen) es umschrieb. Im Mittelpunkt des Interesses standen dabei die Medialität des eigenen Tuns oder die Kommunikation über Kommunikation als solche. Soll die Kommunikation im Medium der Kommunikation repräsentiert werden, so wird zunächst auf immer neue Weise mitgeteilt, daß man kommuniziert.

Noch vor das scheinbar unentrinnbare technische Apriori der Medienlandschaft zurückgehend, verdankte sich die Diskussion, so Initiator Wilhelm Voßkamp (Köln), einer Differenz. Diese ließ sich dann in den verschiedenen Vorträgen über Medien und Repräsentation als Schnitt der Mit-Teilung oder auch als paradoxe Performanz fassen: die Überlegungen deckten ein breites Spektrum ab, das von Ideologiekritik über Rhetorikgeschichte und Hermeneutik bis zur Dekonstruktion reichte. Gleichwohl war in manchen Vorträgen die Hoffnung zu spüren, man könntevielleicht die bislang noch stark auf dem heimischen Markt vertretenen französischen Nachbarn, repräsentiert vor allem durch Baudrillard, Virilio, Lacan oder Derrida, vom Markt verdrängen. So konnte etwa Cassirer zu einer Alternative zu Lacan erklärt werden, und selbst die Technikgeschichte führte Goethes "Wilhelm Meister" im Munde. In anderen Paraphrasen wurde der Leviathan von Thomas Hobbes zum Modell für das Internet, Sehen unvermittelt zum Netzhautsex... "Wir sind ein Recycling-Betrieb", behauptete Aleida Assmann (Konstanz). Radikal zerlegt und wieder in Umlauf gebracht werden sollten weiterhin der frühe Saussure, der späte Heidegger, der ursprünglich verspätete Derrida, aber auch, wie Georg Christoph Tholen (Kassel) argumentierte, "der späte Norbert Bolz". Kulturwissenschaften im Zeichen der T-Aktie? Auch wenn die Paraphrasen manchmal ins Stottern gerieten, wardoch erkennbar, wie sehr das Wissenschaftsmanagement sich hier neu mitzuteilen suchte.

Die interessanteste Paraphrase scheint tatsächlich die wirtschaftliche zu sein. Wie bei allen Investments gilt auch beim Spekulieren mit Theorien: je höher das Risiko, desto lohnender. Obwohl der Markt in letzter Zeit einige Kurseinbrüche zu verzeichnen hatte, bleiben kulturwissenschaftliche Optionen zukunftsträchtig. Derzeit ist deshalb eingünstiger Moment für Investitionen, solange bestimmte Aktien unter Wert gehandelt werden. Die verschiedenen akademischen "Affären", die man mit großen Namen wie de Man oder Jauss in Verbindung brachte, hatten vor allem auf dem schnellebigen Markt der Medien zu starken Kurseinbrüchen geführt. Die in solchen Fällen durchaus üblichen, aber dennoch unpopulären Maßnahmen zur Schadensbegrenzung waren unvermeidlich, doch hatten auch sie im einen oder anderen Fall mittelfristige Wertverluste zur Folge.

Es ist zwar richtig, daß die Kurse korrigiert werden mußten, denn es bestand eine weitverbreitete Unzufriedenheit mit der Art, wie die Geisteswissenschaften Aktivposten und auch Rücklagen verwaltete, doch in Köln sah man eine Veränderung im Management-Stil. Der Versuch, die Operation auf eine neue Basis zu stellen, sei es nun als Hüter kulturellen Gedächtnisses oder als Interpreten der konstant sich ändernden Zeichen unserer Medien-Welt, geht Hand in Hand mit massiven Investitionen in neue Technologien. In dieser neuen Allianz haben Sprach- und Literaturwissenschaften genügend Masse, um auch an einem exponentiell wachsenden Markt interessant zu bleiben. Unter den Tagungs- teilnehmern regte sich die Hoffnung, gerade jene geisteswissenschaftlichen Unternehmen, die unter dem Zeichen der Postmoderne eine gewisse Inflation erlitten, könnten mit dem wiedererweckten Stichwort der Kulturwissenschaft eine neue Wachstumsperiode vor sich haben. Wer allerdings mehr an einem langfristigen Investment im europäischen und internationalen Format als an schnellen Spekulationen interessiert ist, wäre gut beraten, über den neueren deutschen Interessen auch andere medienwissenschaftliche Notationen nicht aus dem Blick zuverlieren. Hier sind insbesondere jene ausländischen Werte zu erwähnen, deren Kurs hierzulande oft unterbewertet wird; ernsthafte Investoren streuen ihr Risiko, und ein ausgeglichenes Portfolio sollte bis zu 30 Prozent ausländischer Aktiva einschließen.

First published in
Frankfurter Rundschau
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