Hoch auf dem trojanischen Pferd

PETER KRAPP

Als Kuckucksei stellte sich im Mai dieses Jahres ein vermeintlich interdisziplinärer Beitrag zur "politisch korrekten" US-amerikanischen Zeitschrift Social Text (46-47/1996, 217-252) heraus. Die Herausgeber der Frühjahrsnummer zur Debatte um "harte" versus "weiche" Wissenschaftsbilder waren einer Parodie aufgesessen: Alan Sokal, Professor der Physik an der New York University, hat seine Montage mit dem Titel "Transgressing the Boundaries - Towards a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity" selbst in einer anderen Zeitschrift als Betrug entlarvt ("A Physicist Experiments with Cultural Studies", Lingua Franca 5/6 1996, 62-64). Zitierweise und Jargon der Linksprogressiven waren so täuschend nachgeahmt, daß niemand rechtzeitig die zahlreichen Fehler bemerkte, die Sokal eingebaut hatte - und diese Tatsache scheint ihm rechtzugeben, wenn er im modischen Gewand der Kulturwissenschaften nichts als hartnäckige Leugnung bekannter Fakten sehen will.

    Hier soll jedoch weder seine Selbstrezension wiederholt noch das verspottete Zeitgeist-Team von Social Text in Schutz genommen werden. Schadenfreude und Rechtfertigungen auf beiden Seiten haben eine Diskussion losgetreten, die ihrerseits interessant zu beobachten ist. Inzwischen haben sich namhafte Intellektuelle in den ersten Seiten der New York Times zu Wort gemeldet, die nächste Nummer von Lingua Franca will sich dem Thema wieder widmen, Alan Sokal will sogar ein weiteres Mal - mit einem Nachwort - in Social Text publiziert werden, und im September wird Duke University Press, der Verlag von Social Text, ein Buch über die "Science Wars" herausbringen, allerdings ohne Sokals Beitrag. Die Mühe, die jener sich gemacht hatte, seinen Betrug auf 27 Seiten, in 55 Fußnoten und zahllosen Details "authentisch" erscheinen zu lassen, hat den Physik-Nobelpreisträger Steven Weinberg veranlaßt, noch einmal in Sokals Horn zu stoßen - er publizierte seine Polemik letzten Monat im New York Review of Books ("Sokal's Hoax", 8.8. 1996). Einen weiteren Monat brauchte die Affäre, die bereits seit 17. Mai im Internet schwelt, um auch die deutsche Presse zu erhitzen.

    Bemerkenswert ist, daß auch im deutschen Feuilleton manche Kommentatoren Sokals Ressentiment gegen Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften blind wiederholen. Zweifellos ist es bequemer und auflagenträchtiger, eine Polemik weiterzuverkaufen als sie zu durchleuchten. Auftrumpfend schreiben vor allem jene über den Erfolg der Fälschung, die für intellektuelle Arbeit ohnehin wenig Verständnis zeigen. Als vor fünf Jahren ein gewisser "Batson D. Sealing" einem Ägyptologie-Journal drei vermeintlich demotische Texte aus römischer Zeit unterjubelte und die Fälschung unerkannt publiziert wurde, war das ein gefundenes Fressen für die Presse (siehe Discussion in Egyptology XIX 1991, 53-68 sowie Robin Lane-Fox in der Financial Times, 18. und 25. Mai 1991). Doch während Batson D. Sealing seine Satire mit amüsanten Fehlern spickte, schrieb der Altlinke Alan Sokal gegen gerade jene Mentalität an, die ihm erst zum Erfolg verhalf - nämlich gegen die Zeitgeistschreibe, deren Held er zur Zeit ist.

    Doch es geht dabei weniger darum, wie korrekt Social Text ist oder wie detailliert Sokal seinen Blödsinn aufzog. Es geht gar nicht um Fakten. Wenn etwa Michel Serres und Jean-Francois Lyotard groben Unverständnisses der Mathematik und Physik beschuldigt werden, spielt es offenbar keine Rolle, daß Serres von der Ausbildung her Mathematiker ist (er unterrichtet Wissenschaftsgeschichte an der Sorbonne), oder daß Lyotard als Philosoph anders nach Zeitbegriffen fragen wird als ein Physiker. "Es gibt eine Welt; ihre Eigenschaften sind nicht bloß sozial konstruiert; nur Tatsachen und Beweise zählen", meinte Sokal in Erinnerung rufen zu müssen, "welche gesunde Person wollte das bestreiten?" Doch die angeblich geisteskranken Wissenschaftler, die die gesellschaftliche Konstruktion auch naturwissenschaftlicher Diskurse erforschen, stellen keineswegs Fakten oder gar die Existenz der Welt in Abrede, sondern untersuchen die Machart jener Interpretationen, auf denen nicht zuletzt Sokals Arbeit beruht. Das bedeutet aber weder, daß sie die Theorien der Physiker zu bloßen Fiktionen erklären, noch, daß sie in Konkurrenz mit ihnen treten wollten: es geht vielmehr darum, zu beobachten, wie diese Disziplin ihre Forschung organisiert. Werden hier nicht Hypothesen gewagt, getestet, Theorien umgestoßen oder erweitert und im Verlauf solcher Prozesse selbst die Normen und Maßstäbe, nach denen dies geschieht, verändert?

    Wenn Sokal poltert, "über die soziale Konstruktion der Realität zu theoretisieren wird uns nicht helfen, eine effektive Behandlung von AIDS zu finden oder Strategien gegen den Treibhauseffekt zu entwerfen", dann hat er zwar platterdings Recht, aber das wird auch nicht das Ziel von Serres oder Lyotard, Lacan oder Kristeva gewesen sein. Ironischerweise ist dieser Vertreter "harter" Wissenschaft, die er dem Blick der Geistes- und Sozialwissenschaften zu entziehen sucht, schließlich selbst derjenige, der den intellektuellen Standard unterbietet, indem er alle Disziplinen, die er in seiner Rechtfertigung anzitiert, unbesehen in einen Topf wirft. Es wird zwar gerne behauptet, daß Fälschungen Zeugnisse innovativer Kreativität sind, aber gibt die gewählte Methode nicht preis, daß dahinter nichts als ein frommer Selbstbetrug steckt?

    Jedenfalls unterliefen Sokal, der sich nun brüstet, mit allem Ernst ein Argument gebastelt zu haben, von dessen Dummheit er überzeugt ist, in seiner polemischen Enthüllung gleich mehrere Denkfehler. Ob sich an dieser Vorgehensweise etwas ändert, wird sich zeigen, sobald das Buch Les impostures scientifiques des philosophes (post-)modernes von Sokal und Jean Bricmont erscheint, das weitere Akademiker aufspießen soll. Das Manuskript, das Sokal diesem Leser per Internet verfügbar machte, ist nicht gerade vielversprechend: es handelt sich vor allem um eine Polemik gegen Klappentexte, wie sie auf den Buchrücken geisteswissenschaftlicher Lektüre zu finden sind. Dieses Genre, erfunden und perpetuiert von Verlagslektoren und Marketingabteilungen, ist zweifellos eine Studie wert - aber es hat ebensowenig mit wissenschaftlichem Verfahren zu tun wie Sokals Kommentar. Doch daß man sich im Journalismus nicht die Mühe macht, die Tatsachen zu prüfen, sondern lieber ein jedes Ressentiment gutgläubig weiterverkauft, das ist der wirkliche Grund, warum Sokals Fälschung so hohe Wellen schlägt: weil man nämlich die Lehre daraus - erschüttertes Vertrauen durch Wachsamkeit zu ergänzen - immer noch nicht zieht.

  • Stanley Fish, "Professor Sokal's Bad Joke", New York Times, 21.05.1996
  • Erhard Schütz, "Integrative Magie", Tagesspiegel, 27.08.1996
  • Franziska Augstein, "Auf den Leim gegangen", Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.08.1996

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    First published 18-9-1996 via email,
    see http://humanitas.ucsb.edu/hydra
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